Die Gütekarte zum Ersten Gewächs

Im Frühjahr 1999 hat der Rheingauer Weinbauverband der Öffentlichkeit die Karte des potenziellen Mostgewichtes für das Weinbaugebiet Rheingau im Maßstab 1: 25.000 präsentiert, die die fachliche Basis der "Ersten Gewächs“ Karte für den Rheingau im Maßstab 1: 5.000 bildet, die dann ein Jahr später veröffentlicht wurde. Die Karte des potenziellen Mostgewichtes für die Rebsorte Riesling (Maßstab 1: 25.000) wurde durch die Außenstelle des Deutschen Wetterdienstes im Geschäftsfeld Landwirtschaft erarbeitet.

Die parzellenscharfe Abgrenzung der Flächen (Maßstab 1: 5.000) erfolgte vor Ort unter Mitwirkung des Weinbauamtes Eltville und der Forschungsanstalt Geisenheim Fachgebiet Bodenkunde. Die kartografischen Arbeiten hat das Geografische Institut der Universität Mainz mit Hilfe eines geografischen Informationssystems durchgeführt.

Was sind die fachlichen Grundlagen für diese Karte, die es in ihrer Art bisher für kein Weinbaugebiet der Welt gibt?


Kartographische Grundlagen

Die Basis für die kartenmäßige Darstellung des Mostgewichtes wurde mit den Standortunter-suchungen im Rheingau gelegt, die unter Mitwirkung der Forschungsanstalt Geisenheim, des Weinbauamtes Eltville und des Deutschen Wetterdienstes bereits 1960 begannen und bis 1984 andauerten. Im Rheingau wurden die Erhebungen an der Rebsorte Riesling durchgeführt. So war es beispielsweise möglich, bereits 1967 einen Standortatlas für den Rheingau herauszugeben, der schon eine erste Gütekarte enthielt, (ZAKOSEK et al. 1967). Mit finanzieller Unterstützung des Hessischen Ministeriums für Landwirtschaft, Forsten und Naturschutz wurde 1996 eine Neuauflage der ersten Standortkarte für den Rheingau herausgegeben, die mit vielen Themen zum Wasserhaushalt und zum Umweltschutz die erste Auflage erweiterte und inhaltlich verbesserte (LÖHNERTZ 1999).

Auch die Erkenntnisse der Einflüsse von Boden und Klima auf das Mostgewicht der Rebsorte Riesling haben sich seit der Erstauflage weiter entwickelt (HOPPMANN 1988). Diese konnten für die Erstellung der Mostgewichtskarte genutzt werden. Die langjährigen Erhebungen bilden die Grundlage für die Entwicklung eines Mostgewichtsmodells für den Riesling, das die Berechnung des Mostgewichtes für jeden Geländepunkt mit Hilfe eines Computers ermöglicht, wenn die Klima- und Bodenverhältnisse für diesen Punkt bekannt sind.

Die Berechnungen erfolgten für den Zeitraum 1961 bis 1990. Der Einfluss des Klimas auf das Wachstum und die Reife der Beere wechselt in einzelnen Entwicklungsstadien. Die Berechnung der Standortvariablen wird deshalb den phänologischen Entwicklungsstadien zugeordnet.

Qualität und Ertrag der Trauben schwanken in den nördlichen Anbauzonen von Jahr zu Jahr und von Standort zu Standort sehr stark, wobei die Jahresschwankungen deutlich größer sind als die Standortschwankungen.

Deshalb werden zunächst die Einflüsse der Jahresschwankungen für den Zeitraum 1961 bis 1990 untersucht. Klima und Rebphänologie sind eng miteinander verknüpft: Sonneneinstrahlung, Temperatur, Verdunstung, Niederschlag und Wasserbilanz ( = Differenz Niederschlag minus Verdunstung) bestimmen die Rebentwicklung und somit auch den Reifegrad. Je früher Blüte und Reifebeginn durchlaufen werden, desto größer sind die Aussichten auf hohe Mostgewichte. Die größte Bedeutung für das Mostgewicht hat derTermin der Vollblüte. Wenn sich der Blühtermin um 7 Tage verspätet, so fällt das Mostgewicht um knapp 6 Grad Oechsle. In der Zellteilungsphase der Beeren nach der Blüte ist der Wasserbedarf sehr hoch, eine positive Wasserbilanz hebt dann auch die Mostgewichte deutlich an. Während der Reife treten dann Temperatur und Sonneneinstrahlung in den Vordergrund. Ein Temperaturanstieg um 2 Grad erhöht die Mostgewichte um 2,5 Grad Oechsle.

Klimatische Einflüsse auf die Jahresschwankungen im Mostgewicht

Klima




Plänologie

Sonneneinstrahlung
Temperatur
Verdunstung
Niederschlag
Klimatische Wasserbilanz
(Niederschlag - Verdunstung)

>
>
>
>
>
Austrieb
Vollblüte
Reifebeginn
Lese
Mit jeweils einer Zwischenphase
90% der Qualitätsschwankungen des Rieslings zwischen den Jahren sind durch die Variabilität der in dieser Tabelle aufgelisteten Klimafaktoren und phänologischen Eintrittsterminen erklärt.

   

Geländeklimatische und bodenkundliche Differenzierung der Weinbaustandorte


Topographie
 
Boden
 
Geländeklima

 


 

Hangneigung
Hangrichtung
Höhe über NN
Höhe über Talgrund
  Bodentyp
Bodenart
pflanzenverfügb.
Bodenwasser (nFK)
Wärmehaushalt
  direkte Sonneneinstrahlung
potenzielle Verdunstung u. Wasserbilanz
Temperatur (Höhe, Hangrichtung,
Hangneigung)
Kaltluftgefährdung u. Windgefährdung

Diese Tabelle listet alle Größen auf, die als Standortvariablen das Mostgewicht beeinflussen. Die genannten Größen liegen für jeden Geländepunkt vor. Die Abstände der Geländepunkte betragen 20 Meter.


Wind

Die Windgefährdung ist in 5 Stufen kartenmäßig dargestellt. Bei dieser Bewertung zählt nicht so sehr die Exposition gegenüber der Hauptwindrichtung Südwest, sondern vielmehr die Windverteilung an Schönwettertagen, wenn sich in den Rebbeständen ein spezielles Bestandsklima entwickelt, das Wachstum und Reifeentwicklung begünstigt. An sonnenscheinreichen Tagen weht der Wind im Rheingau häufig aus Osten oder Nordosten. Hänge, die in diese Richtungen exponiert sind, weisen vergleichsweise geringere Qualitäten als West- oder Nordwesthänge auf. Bevorzugt sind auch Rebflächen, die von der Geländeform nach innen gewölbt sind und dem Wind somit wenig Angriffsfläche bieten.